Mastbruch - Hilflos im Nirgendwo
Es gibt Gegenden, in denen man ganz unbedingt seinen Mast behalten sollte… Neben dem unwegsamen und oft auch nicht ungefährlichen Versuch, ohne Mast auf dem Ozean rettendes Land zu erreichen, kommt anschließend die noch viel schwierigere Aufgabe hinzu, in entlegenen Gebieten Ersatz zu beschaffen.

„Ich war gerade unter Deck und hatte das Luk zugezogen, da es anfing zu regnen. Es war gar nicht so viel Wind – aber als eine Böe einfiel, krachte es und ich wusste sofort: Das ist nicht gut! Es dauerte ein bisschen, bis ich das Luk aufbekam, da das Segel darauf lag - aber spätestens dann war mir klar: der Mast ist gebrochen.“
Der Amerikaner John Jones beschreibt den Moment eindrucksvoll, als ihm mitten im Pazifik der Mast seiner Tayana 37 „Quiet“ bricht.
„Ich war etwa 800 Meilen nördlich der Galapagos Inseln, auf dem Weg nach französisch Polynesien - also im absoluten Nirgendwo. Obwohl die Galapagos Inseln am nächsten lagen, war das keine Option für mich - denn dort hätte ich keine Hilfe bekommen. Also habe ich beschlossen, nach vorne zu gucken, und die nächsten Inseln voraus waren die Marquesas, 2700 Meilen westlich meines Standortes“, erzählt der Solo-Segler aus Annapolis.
„Ich habe etwa 2 Tage gebraucht, die Drähte zu kappen und das Chaos zu beseitigen. Dann bin ich mit Hilfe eines Wetter-Routers zwei Tage lang in eine ruhigere Zone motort um ein Jury Rigg aufzubauen. Nach einer guten Woche harter Arbeit konnte ich wieder ein kleines Segel setzen.
Johns Story ging abenteuerlich weiter, denn mit seinem Jury Rigg kam er natürlich nur sehr langsam voran.
Coconut Milk Run
Ich habe von John erstmals in einer Whatsapp-Gruppe gehört. Sie heißt „Coconut Milk Run“ und ist für alle Segler, die auf der Barfuß-Route im Pazifik unterwegs sind – zumeist von Panama in Richtung Polynesien und weiter nach Australien – also dort, wo auf der Landkarte fast nur Wasser ist, und wo man nur, wenn man genau weiß, wohin man gucken muss, auch noch ein paar kleine Inseln findet. Tahiti ist davon noch das größte und bekannteste Eiland.
In dieser Whatsapp-Gruppe hieß es: „Da ist dieser Segler John nach Mastbruch mit Jury-Rigg unterwegs, er ist ok und will nicht abgeborgen werden, aber falls jemand vorbei kommt: Er braucht Nahrung und Diesel.“ Und diese Nachricht wiederholte sich mit leicht wechselnden Positionsangaben über Wochen. Zu dem Zeitpunkt war ich allerdings schon in Französisch Polynesien angekommen und konnte nicht helfen.
Und nun – fast ein Jahr später, treffe ich John in persona in Tonga und höre die ganze Geschichte.
100 Tage war er nach dem Unfall noch auf See unterwegs, hat zwischendrin in einer wilden Aktion von einem Frachter Lebensmittel und Diesel bekommen („Die haben mir ganze gebratene Hühner geschickt und jede Menge Bier!“) und ist einfach ganz in Ruhe, langsam, aber stetig gen Westen gesegelt.
„Das war eigentlich sogar ganz schön“, meint er. „Dank der Hilfspakete des Frachters hatte ich genug zu essen, um über die Runden zu kommen, und war mit mir ganz alleine auf See ziemlich happy“, berichtet er.
Kaum vorstellbar, dass er die Situation sogar genossen hat, denn für John ging es quälend langsam voran. Mehr als drei Monate hat es gedauert, bis er Land sah, und das war dann Tahiti. „Sicher hätte ich diesen Weg nicht so einfach eingeschlagen, wenn ich Crew an Bord gehabt hätte. Nur für mich Entscheidungen treffen zu müssen, hat es mir leichter gemacht. Und auch die Möglichkeit der Kommunikation via Starlink hat vieles vereinfacht“.
Mit unendlich viel Glück fand John in Tahiti einen gebrauchten Mast, der für seine „Tayana“ passend gemacht wurde und so konnte er verhältnismäßig schnell ein neues Rigg stellen und weitersegeln.
Vincent Roche betreibt die einzige Werft in den Marquesas, also die erste Anlaufstelle nach Panama beziehungsweise den Galapagos und berichtet von etwa drei bis vier Schiffen, die pro Jahr bei ihm ohne Mast ankommen. „Die meisten bleiben bei uns, da wir einen speziellen Mastkran haben. Wie lange es aber dauert, bis diese Schiffe wieder weiter segeln können, hängt sehr davon ab, wieviel Ausrüstung beim Mastbruch gerettet werden konnte. Normalerweise dauert es vier bis sechs Monate die neuen Teile herzustellen und hierherzuschaffen. Und die Kosten variieren natürlich stark, im Mittel aber handelt es sich um 40 - 80.000 €“.
Mastbruch auf dem Katamaran
Als ich den Franzosen Olivier Greduvan treffe, der bei Vincent in der Werft darauf wartet, auf seinem 43 Fuß-Kat „Pleiade“ endlich wieder den Mast zu stellen und weiter segeln zu können, erfasse ich das ganze Ausmaß. Fast ein Jahr pausiert er nach seinem Mastbruch bereits. Dabei hatte er seinen Mast sogar retten können und brauchte „nur“ neue Warten, Stagen, Beschläge etc.
Olivier musste zwar nur 130 Meilen zurücklegen, bis er nach seinem Desaster Land erreichte, aber bis Ersatz da war, dauerte es ewig.
„Die Bergung des Mastes auf See war sehr mühselig und hat enorm Kraft gekostet, aber im Nachhinein erschein mir die Rettungsaktion fast einfach, denn was dann folgte war viel mühsamer: die richtigen Teile und ihre Bestellnummern zusammentragen und dann einen Händler finden, der das ganze sauber bearbeitet und zu einem bezahlbaren Preis liefert – das war die wahre Herausforderung und hat sehr lange gedauert“, so der Franzose.
Ich habe im Pazifik noch mehr verzweifelte Eigner getroffen, die viel Zeit und Geld in die Hand nehmen mussten um ihr Schiff wieder flott zu bekommen. Einen Mast verschickt man nicht mal so einfach wie einen Motor oder ein Ruderblatt.
Sören Matthissen, der sich bei Gotthardt um die deutschsprachigen Seldén-Kunden kümmert, beschreibt praktisch den Idealfall: „Wir haben schon Riggs nach Panama geliefert oder auch auf die Kapverden. Meist haben wir einen 40 Fuß Container gebucht und dort alles verstaut. Normalerweise braucht die Produktion vier Wochen, um einen Mast zu produzieren. Der Container geht dann nach Rotterdam und je nach Bestimmungs-Ort sind die Schiffe gut 4 Wochen unterwegs. Dann kommen die Entladung und oft noch der Stress mit dem Zoll vor Ort.“
Für Yachten bis etwa 40 Fuß, können Masten manchmal in zwei Teilen produziert und dadurch einfacher verschifft werden, aber bei längeren Masten wird das wirklich schwierig, meint auch Holger Flindt aus der Schadensabteilung von Pantaenius.
An der Grenze zum Totalschaden
„Mastbrüche in ganz exotischen Regionen kommen bei uns allerdings nicht so häufig auf den Tisch. Von etwa 160 – 200 Mastbrüchen, die wir pro Jahr behandeln, passieren nur etwa 1-2 in wirklich entlegenen Gebieten“.
Glücklicherweise, denn die Hauptkosten, die hier meist im Transport liegen, überschreiten häufig den Yachtwert und somit endet ein Mastbruch dort schon mal im Totalschaden.
Es geht daher vor allem darum, einen Mastbruch um jeden Preis zu vermeiden.
Warum aber passiert so etwas dennoch immer wieder?
„Viele Masten kommen aus sehr einfachen Ursachen runter. Ringsplinte, die nicht abgetapet sind oder Pins, die nicht gut gesichert sind und dann rausfallen. Schlecht getrimmte Masten oder alte Drähte, die nicht rechtzeitig ausgewechselt wurden“, erklärt Sören Matthiessen.
Bei John Jones war es ein altes Püttingeisen, das zum Mastbruch führte. Bei Olivier Greduvan war ein in der Pressung gebrochenes, altes Vorstag-Kabel die Unfallursache.
Beide erzählen mir, wie sehr sie es bereuen, am falschen Ort gespart zu haben.







