Mensch und Natur - Mit dem Widerspruch leben lernen
Zwischen Freiheit auf dem Wasser und Schutz des Lebensraums Meer liegt kein einfacher Mittelweg. Es geht darum, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
Kaum ein Thema spaltet die Wassersportwelt so regelmäßig wie Fragen des Umweltschutzes. Das jüngste Beispiel ist der hitzig geführte Streit in sozialen Medien und Kommentarspalten nach dem Untergang zweier Segelyachten vor der iberischen Halbinsel im Herbst – ausgelöst durch Interaktionen mit Orcas.

Auf der Suche nach Mitteln, um die Tiere abzuschrecken, ist man dabei sogar auf sogenannte Seal Bombs gestoßen – Sprengkörper, mit denen Berufsfischer Robben und Seehunde von ihren Fanggründen fernhalten. Schon in der Fischerei ist ihr Einsatz umstritten, im Zusammenhang mit Orcas erst recht.
Trügerische Alternative
In den Diskussionen prallen zwei Sichtweisen aufeinander: Die einen sehen es als legitim an, sich mit allen verfügbaren Mitteln – bis hin zu Schusswaffen – gegen Schäden zu schützen. Die anderen lehnen das entschieden ab, weil das Meer der natürliche Lebensraum der Orcas sei – und nicht der der Menschen.
Man könnte meinen, die Schärfe der Debatte erkläre sich daraus, dass es in solchen Situationen um Leib und Leben gehen kann. Doch ähnlich polarisierend verlaufen auch Diskussionen über geplante Schutzzonen in der Ostsee oder über die Beschränkung beim Verkauf von Antifouling. Dabei geht es längst nicht immer um Sicherheit – sondern um Verantwortung.
Vielleicht entsteht die Härte dieser Auseinandersetzungen aus der falschen Vorstellung, man müsse sich zwischen „Freiheit für Wassersportler“ und „Schutz der Umwelt“ entscheiden – als ließen sich beide nicht miteinander verbinden. Doch das ist eine trügerische Alternative. In Wahrheit geht es darum, mit diesem Spannungsfeld umzugehen und Freiheit und Verantwortung zusammenzudenken.
Mensch und Meer
Auf der einen Seite sind wir Menschen – nicht nur als Wassersportler – darauf angewiesen, dass das Ökosystem Meer funktioniert. Die Ozeane nehmen zwischen 25 und 30 Prozent des von Menschen ausgestoßenen CO₂ auf und produzieren zugleich Sauerstoff – etwa jeder zweite Atemzug stammt aus dem Meer. Und das sind nur zwei von vielen Gründen, weshalb gesunde Meere überlebenswichtig sind.
Man kann wissenschaftliche Tatsachen verdrängen – aber sie verschwinden dadurch nicht. Ebenso wenig, wie sich eine ärztliche Diagnose dadurch ändert, dass man sie ignoriert. Genauso ist es keine gute Idee, so zu tun, als hätte umweltschädliches Verhalten keine Folgen für uns selbst.
Auf der anderen Seite greift der Einwand zu kurz, das Meer sei kein Lebensraum des Menschen. Wir leben zwar nicht im Ozean, aber seit Urzeiten am und vom Meer. Der Historiker Lincoln Paine hat gezeigt, dass die Geschichte der Menschheit ohne das Meer kaum zu verstehen wäre: Nahezu jede Zivilisation war in irgendeiner Form maritim geprägt.
Der Hinweis auf den „natürlichen Lebensraum“ verkennt, dass der Mensch die Natur seit jeher verändert – und darin auch Kultur schafft. Die entscheidende Frage ist also nicht, ob wir die Natur verändern, sondern wie wir das in vernünftiger Weise tun.
Verantwortung annehmen
Es bleibt uns daher kaum etwas anderes übrig, als die Verantwortung anzunehmen, die aus unserer Interaktion mit der Umwelt erwächst. Das fällt mitunter schwer, weil man als Wassersportler den Eindruck gewinnen kann, einen überproportional großen Anteil dieser Verantwortung zu tragen, während andere Akteure davon entlastet werden.
Im Nationalpark Wattenmeer etwa gelten strenge Befahrensregeln. Gleichzeitig fahren nebenan Taxiboote zu den Windfarmen, und die Ölbohrplattform Mittelplate A genießt Bestandsschutz. Kein Wunder, dass manche Segler mit Spott reagieren. Doch auch ungerechte oder widersprüchliche Regelungen entbinden uns nicht von der eigenen Verantwortung.
Freiheit auf dem Wasser und der Schutz des Meeres schließen sich nicht aus. Sie fordern uns nur heraus, genauer hinzusehen, abzuwägen und Verantwortung nicht als Einschränkung, sondern als Ausdruck von Reife zu begreifen. Zwischen beiden Polen verläuft kein fester Kurs – aber ein gemeinsamer Horizont.


