Unbemanntes Schiff in Not - was tun?
Helfen oder lieber die Finger davonlassen? Eine Frage, die Weltumseglerin Mareike Guhr für sich selbst klar beantwortet. Obwohl die rechtliche Lage je nach Unfall-Ort und Flagge des gefährdeten Schiffes variiert.

Es weht seit morgens auflandig und kräftig. In Spitzen bis 35 Knoten. Ich habe viel Kette gesteckt, kann aber meinen Anker nicht checken. Das Wasser ist aufgewühlt und tief und der Ankergrund ist durchsetzt mit Korallenköpfen. Mir ist nicht wohl dabei.

Wir sind mitten im Pazifik, Französisch-Polynesien. Ich ankere an einem unangenehmen, aber leider nicht vermeidbaren Ankerplatz vor einem Dorf. Meine Crew geht heute von Bord und fliegt von hier aus nach Hause. Ich beobachte die Position meines Schiffes genau und lasse es nur ungern und auch nur kurz alleinengen.
Mir fällt auf, dass der Einrümpfer vor mir nicht mehr dort liegt, wo er am Vortag noch war, sondern näher gerückt ist. Ich fahre hin und rufe, klopfe, versuche Kontakt aufzunehmen, es ist aber keiner an Bord.
Als ich meine Crew an Land bringen will, halte ich kurz bei einem anderen Nachbarn und berichte von der veränderten Position des vor mir liegenden Schiffes. Als wir hingucken, driftet der Einrümpfer plötzlich seitwärts. Schnell diskutiere ich mit meinem amerikanischen Nachbarn, was zu tun ist. Ich habe Gepäck und Crew im Dinghy. Er hat Bedenken. Ich fahre los. Er nicht.
Ich mache mein Dinghy an dem fremden Schiff fest und springe an Bord. Eine alte Northwind. Wo ist hier denn nur der Motorstarter? Die aufragenden Korallenköpfe sind nicht mehr weit. Schließlich finde ich den Schlüssel und halte kurz inne: Kann ich was kaputt machen? Viel Zeit bleibt mir nicht. Ich starte den Motor und suche die Schaltung. Lenkradschaltung – hatte ich auch noch nie. Ich probiere es einfach aus – und drehe an dem schwergängigen Rad. Soviel Widerstand? Egal, es bleibt keine Zeit. Langsam schiebe ich den Bug in den Wind und stabilisiere das Schiff.
Unglücklicherweise hängt an der Ankerkette noch ein „Float“ mit langer Leine. Immer, wenn ich den nicht mehr sehen kann, werde ich nervös, denn in dieser Situation wäre eine Leine in der Schraube das klare Aus. Nun kommt doch der amerikanische Nachbar mit seinem Dinghy an und fragt, ob er helfen kann. Irgendwann scheint der Anker wieder zu halten und die Northwind stabilisiert sich ohne Motorhilfe. Durchatmen.
Mein Nachbar nimmt mein Dinghy samt durchweichter Crew und fährt damit an Land. Ich mache den Motor aus. Aber die Gedanken rasen weiter. Ich versuche über verschiedene Plattformen, WhatsApp-und Facebook-Gruppen, den Eigner ausfindig zu machen. An Land durchsucht der Amerikaner die Cafés und Snackbars. Ohne Erfolg.
Plötzlich spüre ich einen Ruck. Das Schiff dreht sich wieder seitwärts und treibt schnell. Motor wieder an und kurz vor dem näherkommenden Korallenriff drehe ich das Schiff erneut in den Wind. Puh, das war knapp. Langsam wird das hier anstrengend.
Nach einer gefühlten Ewigkeit sehe ich ein Dinghy von Land heranrauschen. Der Eigner samt Familie steigt an Bord. Geschockt, dankbar und leicht überfordert mit der Situation. Ich steuere, während die Eigner vorne die Kette einholen Sie ist nur noch mit dem Schaft des Ankers verbunden. Die Schaufel des CQR-Ankers ist weg. Wir machen an einer privaten Mooringboje fest. Gut drei Stunden, nachdem ich mein Schiff alleine gelassen habe, fahre ich endlich erschöpft zurück zur Moana.
Elf Jahre zuvor im Nachbaratoll Fakarava: Der Ankerplatz vor dem Dorf liegt auch in einem mit Korallen gespickten Gebiet. Es ist abends, dunkel und plötzlich hören wir einen Funkspruch: „Yacht driftet, ist jemand an Bord?“ Ich gucke raus und sehe ein wanderndes Licht. Die Eigner sind wahrscheinlich aufgewacht.

Fünf Minuten später wieder die Frage über Funk: „Jemand an Bord?“ Scheinbar ist doch keiner da. Wir besprechen uns mit den anderen Yachten per Funk: Ins Dinghy steigen, helfen und das eigene Schiff bei dem Wind alleine lassen? Zudem mit dem verletzlichen Dinghy im Dunkeln zwischen den Korallen rumdüsen? Ich zögere. Wir sind zu zweit, und einer könnte auf unser Schiff aufpassen – aber alleine im Dinghy ist es zu gefährlich.
Also zu zweit los. Wir versuchen mit fünf Dinghies, das unbemannte Schiff zu retten, bis Ian, der an Bord geklettert ist, um unsere Leinen festzumachen, ruft: „Wenn ihr weiter zieht wird sie sinken, das Loch ist schon zu groß.“ Wir hatten zu lange gewartet, das Schiff saß schon auf dem Riff. Die Eigner kamen eine Stunde später völlig ahnungslos zurück von einer Dinnerparty bei Freunden. Ihr Zuhause ein Totalschaden – mitten im Nirgendwo. Die Reise war zu Ende.
Den Schock der damaligen Situation hatte ich neulich vor Augen und habe daher vielleicht weniger gezögert als mein amerikanischer Kollege. Ihn hat vor allem die Angst vor Haftungsansprüchen davon abgehalten, an Bord zu gehen. Die Rechtslage ist vorab nicht einzuschätzen, da nicht nur die Flagge des Schiffes, sondern auch dessen Versicherung ausschlaggebend ist.
Es gibt auch andere Szenarien, die abschreckend sein können. So wie bei einem Freund, dem Diebstahl unterstellt wurde, nachdem er ein fremdes Schiff vor dem Abtreiben bewahrt hat. Er sah sich wilden Beschimpfungen und Unterstellungen des Eigners ausgesetzt, anstatt Dankbarkeit zu erhalten.
Schiffe geraten in Gefahr und es ist keiner an Bord – solche Fälle gibt es immer wieder. Auch in der heimischen Marina beobachten wir Yachten, die akut geschützt werden müssen. Was, wenn ich die Leinen des Nachbarbootes fester zurre, damit es nicht an den Steg schlägt, dadurch aber das Schiff beschädigt wird? Was, wenn ich an Bord eines Schiffes klettere, um die Rollfock zu sichern, die sich selbstständig macht – und ich dabei das Schiff beschädige oder mich selbst verletze?
Jan von der Bank, Contender-Ass und Bootsbauer, hat nicht nur über die Sturmflutnacht 2023 und seinen Einsatz in Schilksee geschrieben, sondern auch eine ganz klare Meinung dazu:
Ich habe keine Angst vor den Konsequenzen, wenn ich versuche, Eigentum zu retten. Viele Schiffe waren unzureichend gesichert. Ich bin daher ohne zu zögern auf fremde Yachten gegangen und habe Leinen gedoppelt, und dort eingegriffen, wo auch andere Schiffe gefährdet wurden.
Auch meine Meinung dazu ist klar. Ich sehe es als meine moralische Pflicht an, einzugreifen. In solchen Situationen setzt mein Instinkt ein und sagt: Wir müssen Schäden vermeiden, sofort – das ist selbstverständlich. Seeleute helfen einander. Das ist einfach so. Ich habe keine Zeit, über Konsequenzen nachzudenken und muss schnell handeln. Mein Schiff ist mein Lebensmittelpunkt, mein Zuhause und für mich enorm wichtig und schützenswert. Das gilt für meinen Nachbarn genauso. Ich würde mir immer wünschen, dass meinem Schiff ohne zu zögern geholfen wird, wenn ich nicht an Bord bin.


